II – Soziale Ökologie und Anarchismus

Soziale Ökologie heute

Anarchismus: wie zur Freiheit gelangen?

Die soziale Ökologie wird oft als eine Form von ökologischem Anarchismus präsentiert. Diese Formulierung ist nicht falsch – aber sie ist genügt nicht, um zu verstehen, was dieser Ansatz wirklich zu denken versucht.

Denn obschon die soziale Ökologie klar in der libertären Tradition steht, lässt sie sich nicht darauf reduzieren. Sie entnimmt daraus ihre grundlegenden Eingebungen – Kritik der Autorität, Streben zur Freiheit, Verteidigung der direkten Demokratie –, versucht aber, dieses Projekt für eine Zeit umzuformulieren, die von tiefgreifenden Transformationen der menschlichen Gesellschaften und ihrer Beziehung zur lebendigen Welt geprägt ist.

So kand die soziale Ökologie als Versuch verstanden werden, das libertäre Erbe fortzusetzen, indem es eine Frage anspricht, die zentral geworden ist: Wie können sich freie Gesellschaften selber regieren und gleichzeitig ihre ökologischen Existenzbedingungen bewahren?

Eine gemeinsame Tradition der Autoritätskritik

Die Wurzeln der sozialen Ökologie reichen in die anarchistische Tradition des 19. Jahrhunderts zurück. Sie teilt mit ihr eine essenzielle Überzeugung: Die menschlichen Gesellschaften können sich ohne institutionalisierte Herrschaft und Zentralmacht organisieren.

Denker wie Pierre-Joseph Proudhon oder Michail Bakunin haben eine radikale Kritik des Staats und der politischen Hierarchien formuliert. Für sie kann die Freiheit nicht durch eine höhere Macht garantiert werden: Sie muss aus der Fähigkeit der Individuen und der Gemeinschaften entspringen, sich selbst zu organisieren.

Diese Tradition beschränkt sich nicht auf eine Zurückweisung der Autorität. Sie schlägt auch eine andere Weise der sozialen Organisation vor: Föderalismus der Kommunen, Selbstverwaltung und direkte Teilnahme an kollektiven Entscheidungen.

Mit Pjotr Kropotkin nimmt diese Reflexion gleichsam eine soziale und wissenschaftliche Dimension an. In seinen Arbeiten über gegenseitige Hilfe zeigt er, dass Kooperation und Solidarität eine zentrale Rolle in der Evolution der menschlichen Gesellschaften spielt. Die soziale Organisation beruht nicht nur auf Konkurrenz und Zwang: Sie kann auch auf Beziehungen der gegenseitigen Hilfe gründen.

Unter den libertären Figuren, die neue Perspektiven auf die Beziehungen zwischen Gesellschaften und der natürlichen Umwelt geöffnet haben, nimmt der Geograf Élisée Reclus eine besondere Stellung ein. Er entwickelt eine zutiefst relationale Vision der Humangeografie und betont die Interdependenz zwischen den Gesellschaften und den Territorien, die sie bewohnen.

So hat ein Teil der libertären Tradition bereits lange vor dem Aufkommen der heutigen politischen Ökologie die Grundlagen einer Reflexion über die Verbindungen zwischen menschlicher Freiheit, sozialer Organisation und der lebendigen Welt gelegt.

Das libertäre Erbe der sozialen Ökologie

In der Tradition dieses intellektuellen Kontexts steht das Denken von Murray Bookchin, des Haupttheoretikers der sozialen Ökoklogie.

Sein Beitrag besteht darin, die libertäre Tradition ausgehend von einer größeren Verlagerung neu zu lesen: zu verstehen, dass sich die heutige ökologische Krise nicht von der Geschichte der Formen der Herrschaft in den menschlichen Gesellschaften trennen läßt.

Die Zerstörung der natürlichen Umwelt erscheint so nicht nur als das Resultat von technischen Fehlern oder einer schlecht geführten industriellen Entwicklung. Sie schreibt sich in einen tieferen historischen Prozess ein, der mit dem Aufkommen und der Verallgemeinerung von hierarchischen Strukturen einsetzt.

Die menschlichen Gesellschaften haben nicht begonnen, die Natur zu beherrschen; sie haben zuerst Herrschaftsbeziehungen zwischen den Menschen eingesetzt. Es sind diese Hierarchien – politische, ökonomische oder kulturelle –, die nach und nach die unbegrenzte Ausbeutung der natürlichen Welt ermöglicht haben.

Diese Analyse führt die soziale Ökologie dazu, die klassische libertäre Kritik auszuweiten. Sie greift nicht nur den Staat oder den Kapitalismus an: Sie hinterfragt die multiplen Formen, die die Herrschaft in den menschlichen Gesellschaften annehmen kann – soziale, bürokratische oder technokratische. Sie lädt ebenso dazu ein zu verstehen, wie diese Machtbeziehungen von den Gesellschaften selbst verinnerlicht und reproduziert werden können, ein Problem, das Étienne de La Boétie schon im 16. Jahrhundert in seiner Analyse der »freiwilligen Knechtschaft« erkannt hatte, ein Phänomen, das sich in den heutigen kapitalistischen Gesellschaften noch wesentlich verstärkt hat, wo die Institutionen, die Wirtschaft und die Subjekte von den Logiken der Herrschaft tief durchdrungen sind.

Die ökologische Frage scheint somit nicht zu trennen sein von einer umfassenderen Hinterfragung der Weise, wie Gesellschaften Macht, Produktion und ihre Beziehungen zur Natur organisieren und reproduzieren.

Die kommunalistische Linie

Einen ihrer originellsten Beiträge liefert die soziale Ökologie hinsichtlich der Frage der Institutionen.

Ein Teil der anarchistischen Bewegung hat historisch den Institutionen misstraut, die weil er sie als Strukturen wahrnahm, die anfällig dafür sind, Herrschaft zu reproduzieren. Die libertären Traditionen bevorzugten oft informelle Organisationsformen, Netze der Affinität oder aufständische Momente.

Die soziale Ökologie nimmt eine andere Position ein. Sie betont, dass die kollektive Freiheit sich nicht dauerhaft erhalten kann ohne demokratische Institutionen, die die politische Partizipation organisieren können.

Diese Reflexion schließt an die Analysen des Philosophen Cornelius Castoriadis an, für den eine autonome Gesellschaft eine Gesellschaft ist, die fähig ist, sich bewusst ihre eigenen Institutionen zu geben und sie kollektiv zu transformieren.

Aus dieser Perspektive kann die direkte Demokratie nicht ein simples Ideal bleiben. Sie muss sich in konkreten politischen Strukturen materialisieren, die den Bürger*innen erlauben, gemeinsam zu beraten und zu entscheiden.

Das ist, was Bookchin mit der Entwicklung des kommunalistischen Projekts im Sinn hat: die Schaffung von lokalen Volksversammlungen, die für alle Einwohnenden offen sind. Diese Versammlungen schaffen den Ort, wo die populare Souveränität ausgeübt wird, das heißt, die Fähigkeit der Bürger*innen, direkt an den Entscheidungen teilzunehmen, die ihr kollektives Leben organsieren.

Untereinander durch Formen der demokratischen Föderation verbunden, können diese Kommunen ihre Entscheidungen auf verschiedenen territorialen Ebenen koordinieren, ohne einen zentralisierten Staatsapparat zu reproduzieren.

Die Herausforderung ist nicht, einen Staat auf lokaler Ebene zu reproduzieren, sondern wirklich demokratische politische Institutionen hervorzubringen, die fähig sind, die Selbstregierung der Gesellschaften zu organisieren.

Ökologische Freiheit schaffen

Diese Reflextion bringt die soziale Ökologie dazu, eine einfache, aber anspruchsvolle Idee zu formulieren: Freiheit kann nicht dauerhaft existieren ohne die Institutionen, die sie möglich machen.

Eine freie Gesellschaft setzt voraus, dass die Individuen und Gemeinschaften kollektiv über die materiellen Bedingungen ihrer Existenz enscheiden können: Produktion, Organisation der Arbeit, Landnutzung oder Verwaltung von Ressouorcen.

Aber diese Fähigkeit, zu entscheiden, setzt auch ein gewisses Maß an materieller Autonomie voraus. Gesellschaften, die völlig von technischen und wirtschaftlichen Systemen abhängig sind, die sie nicht im Griff haben, können ihre demokratische Souveränität nicht voll ausüben.

Deshalb insistiert die soziale Ökologie darauf, dass Formen von lokaler Autonomie wiederaufgebaut werden müssen: Relokalisierung von gewissen Aktivitäten, kollektive Wiederaneignung der Mittel der Subsistenz, Entwicklung von Commons.

Die direkte Demokratie ist also nicht nur eine institutionelle Form: Sie setzt Gesellschaften voraus, die fähig sind, die konkreten Bedingungen ihrer Existenz wieder in den Griff zu bekommen.

So verstanden kann die soziale Ökologie als Versuch gesehen werden, das libertäre Projekt in einem neuen historischen Kontext zu reaktivieren. Sie versucht individuelle Freiheit, direkte Demokratie, kollektive Autonomie und ökologische Verantwortung zu verbinden.

Denn im Zeitalter globaler ökologischer Krisen kann die Frage der Freiheit nicht mehr von jener nach der Weise, wie menschliche Gesellschaften die Erde bewohnen, getrennt werden.

Aber die libertäre Kritik der Autorität allein genügt nicht, um die Mechanismen der modernen Herrschaft zu verstehen. Seit zwei Jahrhunderten hat eine andere Denkströmung die wirtschaftlichen und sozialen Dynamiken des Kapitalismus gründlich analysiert: der Marxismus. Es ist in der Begegnung – und manchmal in der Spannung – zwischen diesen zwei Traditionen, wo die kritische Tragweite der sozialen Ökologie klar zum Vorschein kommt.

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